Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand.

(Blaise Pascal)


DIE EVANGELISCHE ALLIANZ IN ÖSTERREICH

Die Anfänge der Evangelischen Allianz in Österreich (1863-1900)

Schon im Jahr 1863 findet sich ein erster Bericht über die Durchführung einer Allianzgebetswoche durch eine evangelische Pfarrgemeinde im heutigen Burgenland. In Wien gibt es erste Hinweise auf eine Allianzarbeit für das Jahr 1869. Doch erst vier Jahre später kommt es während der Weltausstellung in Wien zu einem ersten, belegten Allianztreffen, allerdings geht dieses nicht auf Initiative der Wiener, sondern der französischen Allianz zurück. Die österreichischen Vertreter, die an diesem Treffen teilnehmen, sind jedoch im Großen und Ganzen auch diejenigen, die in den Folgejahren in der Allianz engagiert sind. Spätestens 1875 findet die Allianzgebetswoche offiziell zum ersten Mal in Wien statt und wird seitdem jährlich durchgeführt. Sie erfreut sich wachsender Beliebtheit und stößt auf zunehmend regen Zuspruch. Ab 1886 wird zu monatlichen Gebetsveranstaltungen eingeladen, über die uns jedoch keine näheren Berichte vorliegen. Zu einer ernsten Krise in der Allianz entwickelt sich der dreijährige Ausschluss der Methodisten Anfang der 90er Jahre; hier scheinen kirchenpolitische Fragestellungen eine Rolle gespielt zu haben.

Außerhalb Wiens finden wir vor allem aus Oberösterreich Berichte über die Allianzgebetswoche. Spätestens 1884 werden diese in den Evang. Kirchen in Thening und Attersee und ab 1886 in Gallneukirchen und Weikersdorf durchgeführt. Träger der Allianzgebetswoche ist hier die erwecklich geprägte Pfarrerschaft. Neben Wien bildet Graz den einzig anderen uns bekannten Ort, an dem sich schon im 19. Jahrhundert eine EA formiert hat. Auch hier findet spätestens ab 1884 die Allianzgebetswoche statt, an der sich die Evang. Pfarrgemeinde und die Baptisten beteiligen.

Eines der Gründungsanliegen der EA, sich für Glaubensfreiheit einzusetzen, kommt auch den österreichischen Freikirchen, die der EA nahe stehen, zugute. Zum einen hat hier die Allianzdeputation bei Kaiser Franz Joseph im Jahr 1879 geholfen – auch wenn diese vornehmlich Böhmen vor Augen hatte. Zum anderen sollten die Kontakte, die der Leiter der Bibelgesellschaft in Wien, Edward Millard, über die Britische EA auf diplomatischer Ebene pflegte, nicht unterschätzt werden.

Der Ausbau der Allianzarbeit in Österreich (1900-1945)

Die Allianzarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt von einem Ausbau der im 19. Jahrhundert begonnenen Arbeit. Vor allem in Wien werden neue Akzente gesetzt. Längst ist es nicht mehr nur die Allianzgebetswoche, zu der sich die Allianzkreise sammeln. Regelmäßig finden über mehrere Jahrzehnte sowohl der Öffentlichkeit zugängliche als auch monatliche Treffen statt, die nur für vollzeitliche Mitarbeiter aus den Wiener Allianzkreisen offen stehen. Erste gemeinsame evangelistische Veranstaltungen werden durchgeführt und auch die Kontakte zur Evangelischen Kirche A.B. verbessern sich, vor allem durch  das Mitwirken des evangelischen Pfarrers Monsky.
Unklar bleibt die offizielle Haltung der Wiener EA gegenüber der nationalsozialistischen Herrschaft. Zwar setzte man sich 1936 noch für das Schicksal der nach Wien emigrierten evangelischen Juden ein, trotzdem wird der Anschluss Österreichs an Deutschland als „Segen Gottes“ zumindest von einigen wie Pfarrer Monsky sehr begrüßt. Andere, so der Vorsitzende der EA während dieser Zeit und gleichzeitige Superintendent der Methodisten, Bargmann, und vor allem der Pastor der Baptistengemeinde, Köster, nehmen einen wesentlich kritischeren Standpunkt ein.

Auch außerhalb Wiens bilden sich zu dieser Zeit zwei feste Allianzkreise in Graz und Linz. So ist uns zumindest aus Graz auch eine Reihe an Berichten über die Durchführung der Allianzgebetswoche erhalten. Die Gebetswoche wird an einer Reihe weiterer Orte im ganzen Land durchgeführt, ohne dass es jedoch zur Bildung einer wirklichen EA kommt.

Ein weiteres Beispiel für die Allianzarbeit zwischen den Weltkriegen stellt die Bibelschule St. Andrä in Kärnten dar. Auch wenn der Ausbildungsschwerpunkt des Werkes auf der Zurüstung von Mitarbeitern für die missionarische Arbeit auf dem Balkan lag, so haben sich doch eine Reihe allianzgesinnter Mitarbeiter aus dem Kärntner Raum dort engagiert, und zugleich ist durch die missionarische Arbeit der Bibelschüler vor Ort Segen ins Land geflossen.

Die Neuausrichtung in der Allianzarbeit in Österreich (1945-1975)

Die ersten dreißig Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs sind geprägt von einem raschen Aufbau und Ausbau der Allianzarbeit in Österreich, vor allem in den verschiedenen Landeshauptstädten. Weiterhin bleibt das gemeinsame Gebet das Schwerpunktthema der EA. Gleichzeitig entwickelt sich die EA mehr und mehr zu einer Plattform, auf der größere übergemeindliche Evangelisationen durchgeführt werden können, die vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren, Tausende von Österreichern mit dem Evangelium erreichen.

Die Gründung freikirchlicher Gemeinden während dieser Jahrzehnte auch in Bezirksstädten und im ländlichen Raum ermöglicht vielerorts überhaupt erst wirkliche Allianzarbeit. So heißt es in einem Bericht vom Herbst 1974, dass es im Land 21 Allianzgruppen gibt und an 100 Orten die Gebetswoche durchgeführt wird. In diesem Zeitabschnitt bleibt es jedoch bei einer losen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Allianzkreisen, die vor allem von der Initiative der Wiener EA abhängig ist. Die jährlichen Allianzkonferenzen in Salzerbad schaffen erste gemeinsame Plattformen, doch es sollte bis Herbst 1975 dauern, bis sich aus den verschiedenen Allianzkreisen eine landesweite Österreichische Evangelische Allianz (ÖEA) formierte. Auffallend in dieser Phase der Entwicklung ist die starke Beteiligung führender evangelischer Amtsträger in der EA, was sich nach 1975 zunehmend ändern sollte.

Die Österreichische Evangelische Allianz: Von der Gründung bis zur Krise (1975-1991)

Mit der offiziellen Gründung der ÖEA im Herbst 1975 beginnt eine neue Phase der Allianzgeschichte in Österreich. Nicht länger sind es nur einzelne lokale Allianzen, die sich der Allianzarbeit vor Ort widmen, vielmehr entsteht mit der ÖEA eine nationale Bewegung, die gesamtösterreichisch denkt und handelt. So kann die ÖEA im evangelistischen Bereich den Anstoß zum Missionarischen Jahr 1984 geben. Gleichzeitig greift sie Themen auf, die landesweit von großer Relevanz sind, wie das Verhältnis der EA zur Pfingstbewegung. Allerdings kann sie hier vorerst keine Klärung erreichen. Auch gelingt es in diesem Zeitabschnitt endlich, die ÖEA vereinsmäßig zu konstituieren.
Ende der achtziger Jahre schlittert die ÖEA in eine Krise. Auf der einen Seite gibt es eine wachsende Distanzierung seitens der evangelischen Kirchenleitung von der Arbeit der ÖEA. Gleichzeitig bildet sich auf freikirchlicher Seite die ARGEGÖ, und viele leitende Mitarbeiter der Freikirchen sehen sich allein aus Zeitgründen gezwungen, sich für eine der beiden Dachverbände zu entscheiden. Nicht wenige ziehen die ARGEGÖ der ÖEA vor.

Aufbruch zu neuer Relevanz (1991-1999)

Während der 1990er Jahre gewinnt die EA neue Relevanz. Dies hängt zum einen mit dem tatkräftigen Engagement des 1991 zum Vorsitzenden der ÖEA gewählten Fritz Börner zusammen, der zahlreiche neue Impulse setzt. Erstmals nimmt die ÖEA gegenüber der Regierung zu ethischen Fragen Stellung. Auch das ursprüngliche Anliegen im Einsatz für Religionsfreiheit wird durch zahlreiche Petitionen neu aufgegriffen.
Nach Jahren der kontroversen Diskussion kann das Verhältnis zu charismatischen und pfingstlichen Gruppen 1996/1997 geklärt werden. Der ALLIANZ SPIEGEL wird zum führenden übergemeindlichen Informationsorgan in Österreich, und mit dem Einsatz für ausländische Mitarbeiter in der Visafrage nimmt die Allianz eine wichtige Aufgabe gegenüber den Werken und Gemeindebünden wahr. Darüber hinaus gelingt es ihr, mit "ostarrichi 96" wichtige missionarische Impulse landesweit  zu setzen.

Die jüngsten Entwicklungen der Evangelischen Allianz (2000-2013)

Wer die Entwicklung der Evangelischen Allianz zu Beginn des neuen Jahrtausends verfolgt, wird mehrere Beobachtungen treffen können. Zum einen schafft eine rechtlich notwendige Überarbeitung der Statuten die Grundlage, Werke, Gemeinden und Gemeinschaften in ein geklärtes Verhältnis als Partner der Österreichischen Evangelischen Allianz zu führen. Von dieser Möglichkeit einer offiziellen Anbindung an die Österreichische Evangelische Allianz haben bis Ende 2012 über 100 Einrichtungen Gebrauch gemacht.
Auch das Verhältnis der regionalen und lokalen Allianzen konnte geklärt werden, und eine Reihe auch der schon historisch gewachsenen lokalen und regionalen Allianzen haben sich zwischenzeitlich offiziell bei der Österreichischen Evangelischen Allianz registrieren lassen. Zusätzlich entstehen neue Allianzen wie die im Mostviertel, im Nordburgenland oder in Klagenfurt.
Die Jahre 2005 und 2006 bringen nach außen ein neues, zeitgemäßes und einheitliches Erscheinungsbild hervor. "Gemeinsam für Jesus" bildet fortan den Claim der Evangelischen Allianz. Nach innen wird das Verständnis geklärt, was Evangelische Allianz meint und ausmacht und findet im neu erstellten Papier "Das Selbstverständnis der ÖEA" seinen Ausdruck.
Erstaunlich ist eine Entwicklung, die vor allem in den vergangenen fünf Jahren an Dynamik gewonnen hat. Initiativen, Foren und Arbeitsgemeinschaften, die überkonfessionell und landesweit wirken wollen, haben den Anschluss an die Österreichische Evangelische Allianz gesucht und gefunden und stellen inzwischen eine zentrale Ausdrucksform des Allianzlebens dar.
Möglich ist diese Entwicklung nur durch das unermüdliche Engagement des Generalsekretärs geworden. Unterstützt von einer teilzeitlichen Bürokraft und seit 2013 zusätzlich von einer teilzeitlichen Mitarbeiterin in den Bereichen Medien- und Projektbetreuung, bewältigt Christoph Grötzinger die Herausforderung, Netzwerkpflege, Repräsentation der Evangelischen Allianz, Verwaltung und nicht zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit mit der Redaktion des Allianzspiegels zusammenzuhalten.
Wer das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zusammenfasst, erkennt, dass die Evangelische Allianz in Österreich mehr und mehr zur Vernetzung von Christen in Österreich beiträgt und durch ihr Selbstverständnis, ihre Partner, Foren sowie Arbeitsgemeinschaften sich zur Plattform der Evangelikalen Bewegung in Österreich entwickelt hat.