Wie ein Theaterstück ist das Leben, nicht wie lange, sondern wie gut es gespielt wurde,
darauf kommt es an.

Seneca


DIE EVANGELISCHE ALLIANZ IN ÖSTERREICH

Die Anfänge der Evangelischen Allianz in Österreich

Erste Hinweise auf eine EA in Wien liegen für das Jahr 1869 vor. Vier Jahre später kommt es während der Weltausstellung in Wien zu einem ersten, belegten Allianztreffen, allerdings geht dieses nicht auf Initiative der Wiener, sondern der französischen Allianz zurück. Doch ist gleichzeitig festzuhalten, dass die österreichischen Vertreter, die an diesem Treffen teilnehmen, im Großen und Ganzen auch diejenigen sind, die in den Folgejahren in der Allianz engagiert sind. Spätestens 1875 findet die Allianzgebetswoche offiziell zum ersten Mal in Wien statt und wird seitdem jährlich durchgeführt. Sie erfreut sich wachsender Beliebtheit und stößt auf zunehmend regen Zuspruch. Ab 1886 wird zu monatlichen Gebetsveranstaltungen eingeladen über die uns jedoch keine Berichte vorliegen. Zu einer ernsten Krise in der Allianz entwickelt sich der dreijährige Ausschluss der Methodisten Anfang der 90er Jahre; hier scheinen kirchenpolitische Fragestellungen eine Rolle gespielt zu haben.

Außerhalb Wiens finden wir vor allem aus Oberösterreich Berichte über die Allianzgebetswoche. Spätestens 1884 werden diese in den Evang. Kirchen in Thening und Attersee und ab 1886 in Gallneukirchen und Weikersdorf durchgeführt. Träger der Allianzgebetswoche ist hier die erwecklich geprägte Pfarrerschaft. Ob die Gebetswochen an diesen Orten zu einer ständigen Einrichtung wurden, kann aus den vorliegenden Quellen nicht belegt werden. Da es sich jedoch in Oberösterreich um rein innerkirchliche Veranstaltungen handelt – es gibt ja dort noch keine Freikirchen – kann man nur begrenzt von einer EA sprechen.

Neben Wien bildet Graz den einzig anderen uns bekannten Ort, an dem sich schon im 19. Jahrhundert eine EA formiert hat. Ab spätestens 1884 findet die Allianzgebetswoche statt, an der sich die Evang. Pfarrgemeinde und die Baptisten beteiligen. Wie regelmäßig diese stattfanden, kann aus den Quellen nicht mehr belegt werden.

Vorliegende Berichte, vor allem in Evangelical Christendom, deuten auf Allianzgebetswochen an weiteren Orten in Österreich hin, ohne dass wir diese jedoch lokalisieren können. Teilweise wurden diese Ortsangaben auch bewusst verschwiegen, um politischer und kirchlicher Opposition keine Angriffsfläche zu bieten.

Das Gründungsanliegen der EA, sich für Glaubensfreiheit einzusetzen, kommt auch den österreichischen Freikirchen, die der EA nahe stehen, zugute. Zum einen hat hier die Allianzdeputation bei Kaiser Franz Joseph im Jahr 1879 geholfen – auch wenn diese vornehmlich Böhmen vor Augen hatte –, aber auch die Kontakte die Millard über die Britische EA auf diplomatischer Ebene pflegte, sollten nicht unterschätzt werden.

Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert geht die Gründungsphase der EA in Österreich zu Ende. Die Pioniere der Aufbauzeit treten ab und eine neue Generation von allianzgesinnten Leitern übernimmt die Verantwortung, das begonnene Werk weiter auszubauen.

 

Der Ausbau der Allianzarbeit in Österreich

Die Allianzarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert ist geprägt von einem Ausbau der im 19. Jahrhundert begonnenen Arbeit. Vor allem in Wien werden neue Akzente gesetzt. Längst ist es nicht mehr nur die Allianzgebetswoche, zu der sich die Allianzkreise sammeln. Regelmäßig finden über mehrere Jahrzehnte sowohl der Öffentlichkeit zugängliche als auch monatliche Treffen statt, die nur für vollzeitliche Mitarbeiter aus den Wiener Allianzkreisen offen stehen. Erste gemeinsame evangelistische Veranstaltungen werden durchgeführt und auch die Kontakte zur Evangelischen Kirche A.B. verbessern sich, vor allem durch  das Mitwirken des evangelischen Pfarrers Monsky.
Auch auf organisatorischer Ebene sind Fortschritte festzustellen. 1919 gibt sich die Wiener EA eine klare Leitungsstruktur in Form eines inneren und äußeren Ausschusses. Jährlich wird der innere Ausschuss neu gewählt. Anlässlich des Besuches des Generalsekretärs der Weltallianz 1930 beantragt die Wiener EA ihre Aufnahme als offizieller österreichischer Zweig. Im Jahre 1938, nur wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, schließt sich die Wiener Allianz der DEA als österreichischer Teilzweig an.
Unklar bleibt die offizielle Haltung der Wiener EA gegenüber der nationalsozialistischen Herrschaft. Zwar setzte man sich 1936 noch für das Schicksal der nach Wien emigrierten evangelischen Juden ein, trotzdem wird der Anschluss Österreichs an Deutschland als „Segen Gottes“ zumindest von einigen wie Pfarrer Monsky sehr begrüßt. Andere, so der Vorsitzende der EA während dieser Zeit und gleichzeitige Superintendent der Methodisten, Bargmann, und vor allem der Pastor der Baptistengemeinde, Köster, nehmen einen wesentlich kritischeren Standpunkt ein.

Auch außerhalb Wiens bilden sich zu dieser Zeit zwei feste Allianzkreise in Graz und Linz. So ist uns zumindest aus Graz auch eine Reihe an Berichten über die Durchführung der Allianzgebetswoche erhalten. Die Gebetswoche wird an einer Reihe weiterer Orte im ganzen Land durchgeführt, ohne dass es jedoch zur Bildung einer wirklichen EA kommt.

Zu erwähnen bleiben die österreichisch-ungarischen Allianzkonferenzen, die zwischen 1900 und 1918 fünfzehn Mal stattfinden und auf großen Zuspruch stießen. Von den bescheidenen Anfängen mit rund dreißig Besuchern wächst die Teilnehmerzahl auf über 200. Der Schwerpunkt der Konferenzen liegt auf der geistlichen Zurüstung der Reichgottesarbeiter, doch auch die missionarische Verantwortung wird in Form von evangelistischen Abendveranstaltungen angenommen. Mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie nach dem 1. Weltkrieg werden die Allianzkonferenzen jedoch eingestellt.

Ein weiteres Beispiel für die Allianzarbeit zwischen den Weltkriegen stellt die Bibelschule St. Andrä in Kärnten dar. Auch wenn der Ausbildungsschwerpunkt des Werkes auf der Zurüstung von Mitarbeitern für die missionarische Arbeit auf dem Balkan lag, so haben sich doch eine Reihe allianzgesinnter Mitarbeiter aus dem Kärntner Raum dort engagiert und zugleich ist durch die missionarische Arbeit der Bibelschüler vor Ort Segen ins Land geflossen.

Die Neuausrichtung in der Allianzarbeit in Österreich

Die ersten dreißig Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs sind geprägt von einem raschen Aufbau und Ausbau der Allianzarbeit in Österreich, vor allem in den verschiedenen Landeshauptstädten. Weiterhin bleibt das gemeinsame Gebet das Schwerpunktthema der EA. Gleichzeitig entwickelt sich die EA mehr und mehr zu einer Plattform, auf der größere übergemeindliche Evangelisationen durchgeführt werden können, die vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren, Tausende von Österreichern mit dem Evangelium erreichen.

Die Gründung freikirchlicher Gemeinden während dieser Jahrzehnte auch in Bezirksstädten und im ländlichen Raum ermöglicht vielerorts überhaupt erst wirkliche Allianzarbeit. So heißt es in einem Bericht vom Herbst 1974, dass es im Land 21 Allianzgruppen gibt und an 100 Orten die Gebetswoche durchgeführt wird.

In diesem Zeitabschnitt bleibt es jedoch bei einer losen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Allianzkreisen, die vor allem von der Initiative der Wiener EA abhängig ist. Die jährlichen Allianzkonferenzen in Salzerbad schaffen erste gemeinsame Plattformen, doch es sollte bis Herbst 1975 dauern, bis sich aus den verschiedenen Allianzkreisen im Land eine landesweite Österreichische Evangelische Allianz (ÖEA) formierte. Zwischen 1945 und 1975 wendet sich das Blatt, und die Allianzarbeit breitet sich zumindest in die Landeshauptstädte und teilweise darüber hinaus aus. So entstehen starke örtliche Allianzen in Salzburg, Graz und Linz und vor allem außerhalb Wiens bilden gemeinsame Evangelisationen auf Allianzebene neben der Durchführung der Gebetswoche zunehmend den Schwerpunkt der Allianzarbeit. Tausende Menschen werden durch diese Evangelisationen mit dem Evangelium erreicht. Auffallend in dieser Phase der Entwicklung ist die starke Beteiligung führender evangelischer Amtsträger in der EA, was sich nach 1975 zunehmend ändern sollte.

 

Die Österreichische Evangelische Allianz: Von der Gründung bis zur Krise

Mit der offiziellen Gründung der ÖEA im Herbst 1975 beginnt eine neue Phase der Allianzgeschichte in Österreich. Nicht länger sind es nur einzelne lokale Allianzen, die sich der Allianzarbeit vor Ort widmen, vielmehr entsteht mit der ÖEA eine nationale Bewegung, die gesamtösterreichisch denkt und handelt. So kann die ÖEA im evangelistischen Bereich den Anstoß zum Missionarischen Jahr 1984 geben. Gleichzeitig greift sie Themen auf, die landesweit von großer Relevanz sind, wie das Verhältnis der EA zur Pfingstbewegung. Allerdings kann sie hier vorerst keine Klärung erreichen. Weiters gelingt es in diesem Zeitabschnitt endlich, die ÖEA vereinsmäßig zu konstituieren.
Ende der achtziger Jahre schlittert die ÖEA in eine Krise. Auf der einen Seite gibt es eine wachsende Distanzierung seitens der evangelischen Kirchenleitung von der Arbeit der ÖEA. Gleichzeitig bildet sich auf freikirchlicher Seite die ARGEGÖ, und viele leitende Mitarbeiter der Freikirchen sehen sich allein aus Zeitgründen gezwungen, sich für eine der beiden Dachverbände zu entscheiden. Nicht wenige ziehen die ARGEGÖ der ÖEA vor.
Gleichzeitig versteht sich die ÖEA aber auch weiterhin als Förderer und Unterstützer der regionalen und örtlichen Allianzen. Neue lokale Allianzen entstehen, und bestehende Allianzen entwickeln neue Initiativen, wie z.B. die ARGE für missionarische Jugendarbeit in Wien. Darüber hinaus werden zwei Säulen der bisherigen Allianzarbeit vielerorts weiter ausgebaut: Das gemeinsame Gebet und die Evangelisation. Um die Gemeinschaft und das Miteinander zu stärken, finden vor allem in den Städten vermehrt jährliche Allianztage statt.

 

Die Österreichische Evangelische Allianz: Aufbruch zu neuer Relevanz

Nach der Krise von 1991 gewinnt die ÖEA während der neunziger Jahre neue Relevanz. Dies hängt zum einen mit dem tatkräftigen Engagement des 1991 zum Vorsitzenden der ÖEA gewählten Börner zusammen, der zahlreiche neue Impulse setzt. Erstmals nimmt die ÖEA gegenüber der Regierung zu ethischen Fragen Stellung. Auch das ursprüngliche Anliegen im Einsatz für Religionsfreiheit wird durch zahlreiche Petitionen neu aufgegriffen.
Nach Jahren der kontroversen Diskussion kann das Verhältnis zu charismatischen und pfingstlichen Gruppen 1996/1997 geklärt werden. Der Allianzspiegel wird zum führenden übergemeindlichen Informationsorgan in Österreich und mit dem Einsatz für ausländische Mitarbeiter in der Visafrage nimmt die Allianz eine wichtige Aufgabe gegenüber den Werken und Gemeindebünden wahr. Darüber hinaus gelingt es ihr mit Ostarrichi 96 wichtige missionarische Impulse landesweit  zu setzen.
Hingegen scheint die Allianzarbeit nach Jahrzehnten des Wachstums in den Regionen und auf lokaler Ebene eher zu stagnieren. Nur wenige neue Allianzen entstehen, und im Vergleich zu den vorangehenden Jahren sind es nur vereinzelte neue Initiativen, die vor Ort neu von den lokalen Allianzen in Angriff genommen werden. Dies mag sicher auch damit zusammenhängen, dass viele der in den sechziger und siebziger Jahre entstandenen freikirchlichen Gemeinden während der neunziger Jahre in eine Konsolidierungsphase treten und ihren Blick eher nach innen denn nach außen richten.

Nach langem Ringen gelingt es 1991 schließlich, neue Mitarbeiter für die landesweite Allianzarbeit zu gewinnen. Mit Börner erhält die ÖEA einen Vorsitzenden, der einen enormen Zeiteinsatz bringt und allein dadurch mit dazu beiträgt, dass die ÖEA eine neue Relevanz gewinnt. Dazu leistet der durch Börner ausgebaute Allianzspiegel einen wichtigen Beitrag. Darüber hinaus ist es aber vor allem die Fähigkeit der EA, die wichtigen Themen und Fragestellungen der neunziger Jahre zu erkennen und sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Dazu gehört die Klärung des Verhältnisses zu charismatischen Christen und zur Pfingstbewegung. Auch beginnt man, sich aus dem christlichen Ghetto heraus zu bewegen und zu gesellschaftspolitischen Fragen Stellung zu beziehen. Der Einsatz in der Visafrage für ausländische Mitarbeiter in Werken und Freikirchen Österreichs ist ein weiteres Beispiel für die neu erarbeitete Relevanz der EA in Österreich.

Hingegen kündigt sich in den lokalen Allianzen vielfach ein Stillstand an. Nur wenige neue Impulse werden gesetzt; vielmehr wird Bewährtes bewahrt und fortgeführt. Dies hängt sicher auch mit der veränderten Ausgangssituation in der kirchlichen Landschaft zusammen. Die Methodisten, die vor allem in den ersten Jahrzehnten in der EA in Österreich eine prägende Rolle spielten, ziehen sich seit den siebziger Jahren zunehmend aus der EA zurück und orientieren sich vermehrt ökumenisch. Auch in der Evangelischen Kirche trägt ein Generationswechsel ab Mitte der siebziger Jahre dazu bei, dass die Anzahl der leitenden Amtsträger, die sich mit der EA identifizieren und sich für sie einsetzen, stark zurückgeht, wie es auch in den diversen Auseinandersetzungen mit der evangelischen Kirchenleitung zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig ändert sich aber auch die freikirchliche Ausgangslage: Nach einer starken missionarischen Ära mit einer Vielzahl von Gemeindegründungen treten viele Gemeinden während der neunziger Jahre in eine Konsolidierungsphase, die sich eher nach innen als nach außen richtet: gleichzeitig gibt es mit der ARGEGÖ eine Arbeitsgemeinschaft, die für viele als die bessere Alternative erscheint. Alle diese Gründe spielen sicher eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Analyse der Situation der EA auf lokaler und nationaler Ebene während der 1990er Jahre.