Der Frieden ist mit dir, wenn du beginnst, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu begreifen.

(unbekannt)


26.03.2010 | Russland: Lutherische Extremisten?

Am 28. Februar fand in der evangelisch lutherischen St. Georgskirche in Kaluga, südwestlich von Moskau während des Sonntagsgottesdiensts eine Polizeirazzia statt. Die Gläubigen hatten sich zur Ordinierung des neuen Pastors Dmitry Martyschenko eingefunden, als elf mit automatischen Waffen ausgerüstete Polizeibeamte, begleitet von Polizeihunden die Kirche stürmten und nach angeblicher „extremistischer Literatur“ suchten. Die Erklärungen des Pastors, dass die Bibel und Bücher über das Augsburger Bekenntnis nichts mit Extremismus zu tun haben, schien sie nicht zu überzeugen. Die Polizisten sagten, sie hätten einen anonymen Anruf erhalten, dass sich extremistische Literatur in der Kirche befände. Ein Polizeibeamter filmte die Durchsuchung während eine Beamtin Formulare ausfüllte, die sie aber den Gottesdienstbesuchern nicht zeigen wollte. „Alle Beamten legten eine äußerst negative Haltung gegenüber uns an den Tag“, berichtete der Pastor.

Der Bischof der evangelischen Kirche des Augsburger Bekenntnisses, Iosif Baron, war an diesem Tag anwesend. Er war nach Kaluga gekommen, um Pastor Martyschenko zu ordinieren. Noch am selben Tag wurde Pastor Martyschenko zur Polizeistation vorgeladen, um eine Aussage zu machen. Als er die Polizisten nach den Gründen für die Razzia und für seine Vorladung fragte, bekam er zur Antwort, dass sich dort eine „Sekte mit extremistischer Literatur“ versammelt.

Seither konnte sich die evangelische Kirchengemeinde wieder ungehindert zum Gottesdienst versammeln, jedoch beklagt Pastor Martyschenko eine allgemeine „Feindseligkeit“ gegen die evangelische Gemeinschaft auf lokaler Ebene, die nach seiner Einschätzung seit Dezember 2009 zugenommen hat, als die Gemeinde ein eigenes Gebäude erwarb. Der Pastor verwies auf mehrere Artikel in Lokalzeitungen seit Anfang 2010. Ein besonders krasses Beispiel, das nicht gerade von einem hohen Informationsstand der örtlichen Journalisten zeugt, ist ein Artikel vom 7. März in der von der Ortsgruppe Kaluga der politischen Partei Vereinigtes Russland herausgegebenen Zeitung. Darin wird die evangelische Gemeinde als „katholische Sekte“ beschrieben, die „in letzter Zeit ihren Proselytismus verstärkt hat“.
Weiters beklagt Pastor Martyschenko, dass es bisher nicht gelungen ist, den Verwendungszweck des neu erworbenen Gebäudes als Kirche offiziell anerkennen zu lassen.

Die evangelische Kirche von Kaluga ist keineswegs das einzige Opfer von Behördenwillkür wegen „extremistischer Literatur“. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion wurde im Februar ein Strafverfahren wegen Lesens religiöser Literatur eröffnet. Betroffen sind vier Leser der Werke des islamischen Theologen Said Nursi, die wegen Verstoßes gegen Artikel 282.2, Teil 1 des Strafgesetzes angeklagt sind („Organisieren von Aktivitäten einer verbotenen Religionsgemeinschaft oder sonstigen verbotenen Vereinigung“). In der Anklageschrift werden die vier als „Mitglieder einer kriminellen Gruppe“ bezeichnet. Bereits wiederholt wurde Literatur der Zeugen Jehovas beschlagnahmt, denn viele ihrer Schriften stehen auf der „Bundesliste extremistischer Materialien“. Die beschlagnahmte Literatur wird vernichtet. Büchervernichtung zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion - ein Alarmzeichen für die Meinungs- und Religionsfreiheit in Russland!

Quelle: Forum 18 News Service, Oslo
Deutsche Fassung: AK Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz