Der Frieden ist mit dir, wenn du beginnst, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu begreifen.

(unbekannt)


11.06.2010 | Russland: Dagestans Protestanten zu Schattendasein gezwungen

Die Pastoren der größten Pfingstgemeinde Dagestans berichten, dass sie derzeit an der Durchführung von Sozialprojekten gehindert werden. Davon betroffen sind auch ihre Dienste unter Drogenabhängigen und im Gefängnis. Eine auf fünf Jahre abgeschlossene Vereinbarung, die den Pastoren Besuche im Gefängnis gestattete, wurde Anfang 2010 ohne Erklärung ausgesetzt, obwohl die Gefängnisleitungen die Besuche willkommen geheißen haben, berichtet Pastor Artur Suleimanov. Auch die seinerzeit positive Einstellung der Behörden zu den Antidrogenprojekten der Christen hat sich abrupt gewandelt. „Das ist sehr seltsam, da wir praktisch die einzigen sind, die unter Drogenabhängigen arbeiten“, meint der Pastor. Bezüglich der Einschränkungen sozialer Aktivitäten von Protestanten befragt, erklärte Rasul Gadzhiyev, Abteilungsleiter im Ministerium für nationale Politik, Information und auswärtige Angelegenheiten von Dagestan, dass es in diesem Bereich keine Regelungen oder besonderen Anweisungen gebe. „Wenn die Tätigkeit der Protestanten gesetzeskonform ist, dann gibt es keinerlei Probleme“ erklärte er gegenüber dem Nachrichtendienst Forum 18. Dagestan ist eine zu Russland gehörige Republik im krisenreichen Nordkaukasus, grenzt an Aserbaidschan und Georgien und wird von Angehörigen vieler verschiedener Volksgruppen bewohnt. Der Großteil der Bevölkerung sind Moslems, mehrheitlich Sunniten, aber es gibt auch eine schiitische Minderheit. Pastor Suleimanov, der dem Volk der Avaren angehört (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Steppenvolk des Mittelalters) betont, dass etwa 85 % der etwa 3.000 Mitglieder der Pfingstgemeinden Dagestans lokalen ethnischen Gruppen angehören. Christliche Kirchen in Dagestan, die vor allem unter der russischen Volksgruppe arbeiten - darunter die russisch orthodoxen und Baptisten - haben nicht mit dem Widerstand des Staates und der Bevölkerung zu rechnen. Die seit Jahrhunderten im Land lebende jüdische Bevölkerungsgruppe in und um die Stadt Derbent im Süden des Landes wird von der nichtjüdischen Bevölkerung akzeptiert und ist keinen Feindseligkeiten ausgesetzt.

Behördlichen Einschränkungen unterworfen ist die Religionsfreiheit von Moslems außerhalb der vom Staat unterstützten „Geistlichen Leitung der Moslems von Dagestan“. Dies betrifft unter anderem die Verbreitung von Literatur und das Bildungswesen. Allerdings beginnt die Regierung, ihre strenge Kontrolle des Lebens der Moslems allmählich zu lockern.

Ruslan Kornev, ein ethnischer Russe und Pastor der Gemeinde Quelle des Lebens in der Hafenstadt Kaspiisk, schätzt, dass der Umschwung in der Haltung der Behörden gegenüber der Arbeit der Pfingstgemeinden unter den Drogenabhängigen etwas vor drei Jahren stattfand. „Wir waren bis 2005 sehr aktiv, wir haben hunderte Konzerte organisiert, aber dann wurden die Beziehungen distanzierter“, erklärte Kornev. Im direkten Kontakt haben die einzelnen Beamten gesagt: „Wir stehen vollkommen auf ihrer Seite“, „wir möchten gerne ....“. Doch die Realität sah anders aus. Kornev berichtet, dass man 2007 die karitative Organisation Lazarus geschlossen hat, da der Aufwand für die Bürokratie und die vielen Kontrollen nicht mehr vertretbar war, und seither auf der Ebene von Einzelpersonen weiter arbeitet. Doch auch dem Engagement einzelner begegnet man mit Skepsis. „Die Leute würden es verstehen, wenn ich das mache, um damit Geld oder Ehre zu verdienen, aber sie verstehen nicht, dass ich nur Gott die Ehre geben muss,“ erklärte Kornev.

Sowohl Suleimanov als auch Kornev führen die Probleme auf die Haltung einzelner Beamter zurück. „Die Justizbehörden haben eine relativ gute und korrekte Einstellung zu uns“, kommentierte Suleimanov. „Wenn es zu Druck kommt, ist das die Initiative eines Beamten oder Polizisten - ‚wir sind Moslems, du bist X und X ist falsch’. Aber es ist in Ordnung, wenn man sich auf das Gesetz beruft“.

Alle drei Pastoren von Pfingstgemeinden, mit denen Forum 18 gesprochen hat, führen die mangelnde Religionsfreiheit für ihre Gemeinden vor allem auf Haltungen in der Bevölkerung zurück, wodurch einige Mitglieder selbst an der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst in sich öffentlich versammelnden Gemeinden in den Städten gehindert werden. Pastor Kornev berichtet, dass die Gemeindemitglieder, die in Kaspiisk nicht an den Gottesdiensten teilnehmen, vor allem junge Leute sind, deren Ehepartner dagegen sind „und wir wollen nicht, dass sie im Streit leben“.

Die Gemeinde „Hosanna“ in Makhachkala kann sich in einem eigenen Gebäude versammeln, das sie im Jahr 2000 gekauft hat. Davor konnte sie nur dank der persönlichen Freundschaft zum Besitzer eines Vereinslokals, der sich dem Druck der Öffentlichkeit widersetzte, einen Raum mieten.

In Derbent weigern sich die Besitzer von Immobilien aus Angst vor dem Druck der moslemischen Gemeinschaft, Räumlichkeiten an die Christen zu vermieten, berichtet Pastor Schakov (ein ethnischer Russe).

Geheime Versammlungen

Wenn sich Christen aus Pfingstgemeinden in einem Dorf versammeln „so geschieht das fast im Flüsterton“ berichtet Pastor Suleimanov. Zwei Hausgemeinden, denen Suleimanov dient, bestehen fast nur aus Frauen, die manchmal nicht zum Gottesdienst kommen können, um nicht die Aufmerksamkeit ihrer Männer zu erregen. In einer der Hausgemeinden gab es anfangs einige Männer, doch sie haben die Gemeinschaft wegen des äußerst starken Drucks der Dorfgemeinschaft verlassen, berichtet Pastor Suleimanov und erklärt weiters, dass aufgrund der starken Familienbindungen und der öffentlichen Meinung Menschen, die Christen werden, oft aus der Gemeinschaft verstoßen werden. Oft fühlen sie sich vom Christentum angezogen, nachdem sie zu Christen gekommen sind, um für körperliche Heilung beten zu lassen „da sie wissen, dass der Prophet Isa [Jesus] Menschen geheilt hat und dann wollen sie mehr wissen“.

Solange die Christen einfach als Nachfolger der Lehren Isas gesehen werden, gibt es kaum Widerstand aus der Bevölkerung, erklärt Suleimanov weiter. Doch wenn sie als Christen identifiziert werden, wird dies gewöhnlich mit der russisch orthodoxen Kirche und dem Westen in Verbindung gebracht. Und der Westen hat einen schlechten Ruf bei der moslemischen Bevölkerung - wegen des Irakkriegs und der „Hollywoodkultur“. dann beginnt der Konflikt. „Das ganze Dorf glaubt, wenn sie einen Christen unter sich haben, das sei ein Ungläubiger [Kafir = Heide] und somit unrein. Sie machen sich Sorgen, dass dieser ‚Fluch’ sich auf das ganze Dorf auswirken könnte und geben dieser Person die Schuld an allem Unglück.“

Auf die Frage, ob die Dorfbehörden diese Einstellung teilen, antwortete Pastor Suleimanov: „Nun, die Polizisten sind unsere Nachbarn und sie sind Moslems.“ Er erinnert sich an seine Verhaftung vor zwei Jahren, als er in einem Hauskreis predigte: „Als der Älteste der Gemeinde darauf hinwies, dass unsere Tätigkeit nach dem Gesetz erlaubt ist, zeigte der Polizeichef auf die Moschee und sagte: ‚das ist mein Gesetz’“.

Bessere Bedingungen herrschen in der Hauptstadt Makhchakala. Aber auch dort erhält Pastor Suleimanov Drohungen. „In den letzten drei Monaten habe ich in der Nacht das Telefon nicht abgehoben, weil ich weiß, dass das irgendeine Art von Beschimpfung oder Drohung sein wird.“

Quelle: Forum 18 News Service, Oslo
Deutsche Fassung: AK Religionsfreiheit der Österreichischen Evangelischen Allianz