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Datum: 01.10.2019

Weltweit sieht es ganz gut für die Kirche aus, doch im reichen Westen ist sie immer stärker auf dem Rückzug. Gerade junge Menschen finden den Weg dorthin nicht mehr. Doch das müsste nicht sein. Allerdings kann Kirche dann nicht so bleiben, wie sie jetzt ist.

Sie werden Millennials genannt oder Generation Y. Sie sind um die dreißig oder jünger und ihnen ist gemeinsam, dass sie in unseren Kirchen und Gemeinden kaum vorkommen. Einzelne Ausnahmen bestätigen die Regel, aber insgesamt ist es inzwischen eine ganze Generation, die am christlichen Gemeindeleben kein Interesse mehr findet. Und das betrifft die Jüngeren in noch höherem Masse.

Das heißt natürlich nicht, dass Kirche alles verkehrt machen würde, aber es heißt andererseits, dass sie einiges richtig, sprich anders machen muss, wenn sie nicht völlig überaltern soll. Die US-Amerikanerin Emma Higgs ist selbst ein „Millennial“, aber eine, die noch in ihre Kirche geht. Trotzdem macht sie eine Reihe von Vorschlägen, die über die USA und ihre Gemeinde hinaus relevant sind.

Beziehung voran

Im Arbeits- und kulturellen Leben ist so viel in Bewegung. Echte Gemeinschaft ist hier schwer zu finden. Dabei sehnen sich junge Menschen nach Heimat, Zuhause, einem sicheren Ort, wo man sie kennt und sie andere kennen. Wo sie geliebt sind. Wo sie „vorkommen“. Kirche hat hier ihre Stärken, bzw. könnte sie haben, wenn sie nicht immer wieder in die Event-Falle tappen würde. Doch kein Gottesdienst, kein noch so perfektes Programm ersetzen ein echtes Miteinander. Wir brauchen so viele Wege wie möglich, um Beziehung zu leben.

Verletzlichkeit und Unsicherheit zugeben

In der Vergangenheit galt es für viele Christen als normal, stark, unerschütterlich und fast allwissend zu sein. Millennials neigen dazu, hier von Täuschung auszugehen. Entweder täuscht solch ein Christ andere oder sich selbst. Bei ihnen kommt eher an, wer Fehler und Schwächen zugibt, sich menschlich zeigt und ehrlich ist. Echte Stärke und Weisheit zeigen sich übrigens trotzdem und werden auch erwartet, aber nur in der Kombination mit Verletzlichkeit und Schwäche.

Dialog- und Dissenskultur

Jede Gemeinde hat Grundwerte, auf die sie sich einigen sollte – ob theologisch oder organisatorisch. Allerdings ist es gerade im Hinblick auf Jüngere wichtig, dies auf ein Minimum zu beschränken. Wer in möglichst vielen Fragen Einigkeit sucht, wird dagegen möglichst viele Menschen verlieren. Und hier reden wir von den vielen Nebenfragen. Millennials suchen in solchen Fragen gern das Gespräch, vor allem, wenn es als Meinungsverschiedenheit ausgetragen werden kann, bei der niemand gewinnen muss, weil es in Ordnung ist, sich nicht in allem einig zu sein.

Inklusiv und gleichberechtigt

Viele junge Christen stört es bei Kirchen und Gemeinden, wie sie mit Frauenrechten oder sexueller Orientierung umgehen. Sie sehen, dass die Welt sich – gerade aus christlichen Werten heraus – in Richtung einer breiteren Akzeptanz und Gleichberechtigung entwickelt und erwarten dies auch in Gottesdienst und Bibelstunde. Dabei ist weniger die eigene theologische Position in diesen Fragen entscheidend, sondern der Umgang miteinander.

Vorfahrt für soziales Handeln

Welche Relevanz hat Kirche für die Gesellschaft? Verändert sie etwas? Hilft und heilt sie? Fragen wie diese stellen junge Christen und rechnen damit, dass ihre Gemeinde hier aktiv wird. Dies ist keine Konkurrenz für Verkündigung, sondern es ist ihre organische Ergänzung. Menschen in Not suchen Hilfe und Christen sind bereit, diese zu geben. Das klingt nicht nur für Millennials interessant. Diese Art von gegenkultureller, radikaler Selbstlosigkeit kann überraschend attraktiv für diejenigen sein, die nur mit Oberflächlichkeit und Ichzentriertheit rechnen.

Die Umwelt ernst nehmen

Klimawandel und Artensterben beschäftigen Menschen genauso wie Bevölkerungswachstum und der ständig steigende Verbrauch in Europa. Stärker als vergangene Generationen sehen junge Christen Gott nicht nur als Retter, sondern als Schöpfer und Erhalter eben dieser betroffenen Erde. Und sie erwarten, dass die Liebe für Gottes gesamte Schöpfung auch in der Gemeinde Raum findet.

Raum für Fragen und Zweifel

Wie alle Menschen sucht auch die Generation Y nach Antworten auf ihre Lebensfragen. Doch manche Zusammenhänge sind so komplex, dass einfache Erwiderungen für sie schnell zu kurz greifen. Mindestens so wichtig wie eine Antwort ist daher die Möglichkeit, Fragen zu stellen, auch über den Glauben. Und zwar ohne dabei in die Ecke des Zweiflers gestellt zu werden, der die allgemeine Ordnung stört. In solch einer Umgebung fühlen sie sich angenommen.

Bewusstsein für psychische Probleme

Gerade Schwache suchen immer wieder Anschluss an Kirchen und Gemeinden. Wenn Menschen mit einer Depression dann allerdings mit einem „Du betest nicht genug“ abgespeist werden, schadet dies nur. Depression und Angststörungen sind so häufig, dass in praktisch jeder Gemeinde Betroffene sind. Und nicht nur junge Christen erwarten, dass Gemeinde ihnen gegenüber sprachfähig wird, ihnen hilft und sie trägt.

Das Äußerliche nicht überbetonen

Viele Anstrengungen, junge Menschen in die Kirche zu ziehen, bewegen sich auf dieser äußerlichen Ebene: tolles Programm, super Lichttechnik, leckerer Kaffee und hippe Lobpreismusik. Das ist alles schön und gut. Aber es ist gar nicht so wichtig. Kirche ist keine Show. Wenn sich eine Gemeinde hier zu viele Gedanken macht, dann lohnt es sich, einmal einen Schritt zurückzutreten. Vielleicht gibt es innere Probleme, vor denen diese äußerlichen Aktivitäten ablenken sollen. Millennials sind hier durchaus empfindlich dafür, ob sie eingeladen sind oder nur bespaßt werden.

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Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Patheos

 

Autor: Hauke Burgarth (Livenet / Patheos)

 

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