Peter kam mit dem Downsyndrom zur Welt. Seine Mutter wollte ihn nicht haben, und niemand rechnete überhaupt damit, dass er lange lebt. Eine Diakonisse nahm das schwache Baby zu sich – und der Junge stellte ihr Leben auf den Kopf. Gudrun Kattnig erzählt die berührende Geschichte.
Winzig und zerbrechlich liegt Peter im Brutkasten auf der Intensivstation. Geboren ohne Darmausgang, muss er sich unmittelbar nach seiner Geburt einer schweren Operation in einer Spezialklinik unterziehen. Sein Herz ist schwach. Das kleine, kaum auf die Welt gekommene Leben hängt am seidenen Faden. Wochenlang kämpfen das Team des Klinikums und Peter um sein Überleben. Er wiegt nur 2.430 Gramm.
Bald scheint klar: Er hat keine Chance. Seine Lebenserwartung ist minimal. Peter ist allein. Während andere Säuglinge auf der Station von ihren Müttern betreut und begleitet werden, liegt er einsam in seinem Bettchen. Es kommt kein Besuch, der nach ihm schaut. Da ist keine vertraute Stimme, die ihn begleitet und ihm Sicherheit und Halt in dieser schweren Zeit gibt. Allein das Jugendamt ist mit dem „Fall Peter“ betraut.
Seine Mutter ist ungewollt schwanger geworden. Als sie gegen Ende der Schwangerschaft erfährt, dass das Kind behindert sein wird, ist das ein zusätzlicher Schock. Sie ist bereits dreifache Mutter und möchte die Schwangerschaft beenden. Aber dafür ist es zu spät. Die Schwangerschaft ist für eine Abtreibung zu weit fortgeschritten. Peter kommt zu früh, aber lebend im Sommer 1987 auf die Welt. Niemand rechnet damit, dass er lange überlebt. Doch der Entschluss der Mutter steht fest: Sie will dieses Kind nicht bei sich haben.
Schwester Friedgard fasst sich ein Herz
Nun liegt Peter, umgeben von Schläuchen und vom Rhythmus der Töne der Apparate, auf der Intensivstation. Entgegen aller Erwartungen stabilisiert sich sein Zustand so weit, dass nach vier Monaten an eine Entlassung gedacht werden kann. Aber wohin mit einem schwer beeinträchtigten Säugling?
Auch wenn die zu erwartende Lebenszeit nur kurz bemessen zu sein scheint, wird er auf intensivste Betreuung und Pflege angewiesen sein. Wer kann das leisten? Die Suche nach einem geeigneten Platz gestaltet sich schwierig. Es finden sich weder Adoptiv- noch Pflegeeltern.
Schließlich klopft die Sozialarbeiterin des Jugendamtes bei den Diakonissen der Diakonie Kärnten in Österreich an: „Können Sie den nehmen? Wir finden keinen Platz für ihn.“ Dort berät man sich. Die angefragte Schwester Friedgard Tödtmann ist Anfang 30 und leitet eine Wohngruppe mit elf schwerst beeinträchtigten Kindern im Schulalter. Angesichts der hohen Arbeitsbelastung fällt Schwester Friedgard eine Entscheidung nicht leicht. Aber die Zeit drängt. „Er wird das erste Lebensjahr nicht überleben“, so die Prognose der Fachleute. Das gibt den Ausschlag. Die junge Diakonisse fasst sich ein Herz und nimmt das Baby in ihrer Wohngruppe der Diakonie auf.
Schwester Friedgard ist gelernte Kinderpflegerin und Krankenschwester. Sie trat 1978 in das Diakonissenmutterhaus Aidlingen ein, womit sie sich gleichzeitig für den ledigen Stand entschieden hat. Sie nimmt sich persönlich des kleinen Peters an, holt ihn nach einiger Zeit sogar in ihr Zimmer, denn er muss – wie jedes andere Baby auch – rund um die Uhr versorgt und betreut werden. Sie trägt ihn in ihren Armen, richtet Fläschchen, besorgt mit Hilfe ihrer leiblichen Schwester, die selbst junge Mutter ist und in der Nähe wohnt, den nötigen Babybedarf – und gibt Peter ein erstes Zuhause.
Schwester Friedgard und Peter als Baby. Foto: privat
Ein Eroberer der Herzen
Ehe sich Schwester Friedgard versieht, hat Peter ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er hat nicht nur ihr Herz erobert, sondern auch das aller Mitarbeiter. Das gibt allen die Kraft und Motivation, den zusätzlichen Arbeitsaufwand zu leisten. Für Peter ändert sich alles. Mit der Aufnahme bei Schwester Friedgard kommt er in ein Umfeld, in dem er geliebt und bestens versorgt ist und wo intensiv für ihn gebetet wird. Es folgt eine anstrengende und herausfordernde Zeit
Der kleine Peter erweist sich jedoch stärker als gedacht. Kurz nach seiner Geburt war er notgetauft worden. Die behandelnde Ärztin gab ihm den Namen „Peter“ – der Fels. Ob sein Überlebenswille daran liegt?
Womit niemand gerechnet hat, geschieht. Trotz seines schweren Herzfehlers und erheblicher Beeinträchtigungen überlebt Peter sein erstes Lebensjahr. Und nicht nur das. Er übersteht bis zu seinem vierten Geburtstag sieben schwere Operationen, zwei davon am Herzen. Es ist ein Wunder! Ab jetzt lernt er sogar nach und nach das Kauen, Sprechen und Laufen. Er blüht auf unter der liebevollen Zuwendung und Pflege der Schwester.
Für Peter ist die Frau mit der Haube seine Mutter. So erstaunt es nicht, dass eines seiner ersten Worte „Mama“ ist. Die kleine Stimme zu hören, die sie „Mama“ nennt, trifft die Diakonisse mitten ins Herz. Eine Diakonisse wird Mutter – geht das? Ohne liebevolle Bezugsperson würde der noch immer sehr hilfs- und pflegebedürftige kleine Junge verkümmern. Bald kann Peter tagsüber den Regelkindergarten der Diakonie und mit Schulantritt die Integrationsklasse der Volksschule im Ort besuchen.
Für Peter ist die Frau mit der Haube seine Mutter. Foto: privat
Peter bekommt Geschwister
Inzwischen ist Schwester Friedgard Leiterin eines Wohnheimes mit fünf Gruppen für Kinder mit Mehrfachbehinderungen – und quasi nebenher alleinerziehende Mutter. Immer und überall ist Peter dabei. Nicht nur in ihrem privaten Leben, sondern auch in der christlichen Gemeinde und ihrer leiblichen Familie.
Die fast gleichaltrigen Nichten und Neffen integrieren Peter in den Geschwisterkreis. Er gehört wie selbstverständlich dazu. Wenn „seine Mama“ verreisen muss, ist Peter auf dem Bergbauernhof ihrer Schwester herzlich willkommen und wird von „seiner Tante“ liebevoll versorgt.
Von Höhen und Tiefen begleitet
Inzwischen sind Jahre vergangen. Rückblickend kann Schwester Friedgard nur darüber staunen, wie sie all das bewältigt hat. Peter ist längst erwachsen. Im vergangenen Sommer feierte er seinen 38. Geburtstag. Es gab viele Höhen und Tiefen, viele tragische und bedrohliche Momente – etwa als ein Herzschrittmacher nötig wurde oder als bei seiner „Mama“ 2005 ein Aneurysma festgestellt wurde und niemand wusste, wie es weitergehen soll. Dank Gottes Hilfe durfte Friedgard überleben und kann heute dem geliebten Peter auch in ihrem Ruhestand ein Zuhause bieten.
Er arbeitet tagsüber in einer Werkstatt der „Lebenshilfe“. In vielen Belangen benötigt er bis heute Hilfe und Pflege. Hat er früher viel Bewegung und Gesellschaft geliebt, zieht er sich heute gern in sein Zimmer zurück. Er malt mit Buntstiften und hört am liebsten Lobpreismusik. Ihm tut die Ruhe in der gemütlichen Wohnung und eine klare Tagesstruktur mit Liedern, Gebet und Gottes Wort gut. Gottesdienste besucht er nach wie vor gern.
Peter arbeitet tagsüber in einer Werkstatt der „Lebenshilfe“. Foto: privat
Ein Stück Himmel auf Erden
Peter ist ein kleiner Sonnenschein, der das Leben vieler Menschen bereichert. „Bei Gott gibt es keine Pannen“, sagt Schwester Friedgard. Das scheinbar Schwache braucht den Zusammenhalt von Menschen und kann für unser menschliches Miteinander wie ein Kitt sein, auch in unserer Gesellschaft. Die scheinbar Schwachen erinnern daran, dass alles und jedes zeitlich begrenzt ist und dass es das Perfekte erst im Himmel geben wird. Peter hat ein Stück davon auf diese Erde gebracht.
Die Autorin, Gudrun Kattnig (Klagenfurt am Wörthersee, Österreich), war evangelische Gemeindediakonin und u. a. in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Sie ist Mitglied der österreichischen „Lebenskonferenz“ und engagiert sich für den Lebensschutz.
Peter und Schwester Friedgard an einem Muttertag. Foto: privat
Schwester Friedgard und Peter als Baby. Foto: privat
Für Peter ist die Frau mit der Haube seine Mutter. Foto: privat
Peter arbeitet tagsüber in einer Werkstatt der „Lebenshilfe“. Foto: privat
Peter und Schwester Friedgard an einem Muttertag. Foto: privat